Ethische Aspekte im familiengerichtlichen Verfahren und in der Trennungs- und Scheidungsberatung

Ethikberatung in der Kinder- und Jugendhilfe?

Ethische Aspekte in familiengerichtlichen Trennungs- und Scheidungssituationen standen im Mittelpunkt  eines Treffens des Arbeitskreises Trennung und Scheidung, der sich auf Einladung Zentrums für Ethik, Führung und Organisationsentwicklung (zefog) im Heinrich Pesch Haus traf.

Die rund 50 Teilnehmenden kamen aus den Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe und der Beratungsinstitutionen. In ihrer Begrüßung hob Bürgermeisterin und Kulturdezernentin Prof. Cornelia Reifenberg die hohe Bedeutung der Ethik in den Entscheidungen der Kinder- und Jugendhilfe hervor und begrüßte die Initiative zu einem Fachtag. Die Bürgermeisterin Prof. Dr. Reifenberg verabschiedete Prof. Hanspeter Damian und Jürgen May als langjährige und verdiente Mitglieder und Begründer des Arbeitskreises vor mehr als 25 Jahren.

Ziel des Fachtags war, das Format der Ethikberatung, das bereits in der Medizin und Altenhilfe in schwierigen Entscheidungssituationen Entlastung bringt, auch mit Blick auf die ethischen und rechtlichen Fragestellungen der Kinder- und Jugendhilfe auf seine Wirksamkeit hin zu überprüfen, so Dr. Jonas Pavelka vom zefog. Sowohl Mitarbeitende des  Jugendamtes und der Beratungsinstitutionen als auch Richter und Anwälte müssen häufig über schwierige Entscheidungen beraten, z.B. wenn es um eine Entscheidung über eine geschlossene Unterbringung geht oder die Frage, Geschwister-Kinder in Trennungssituationen auf die getrennten Partner aufzuteilen. „Dabei  geht es letztlich um nicht weniger als das Wohl der betroffenen Kinder und ihrer Eltern, aber auch das Wohl der beteiligten professionellen Akteure“, so Pavelka.

Rechtliche Fragen – Beispiel „Wechselmodell“

Im Eingangsreferat ging Dr. Thomas Meysen auf zentrale rechtliche Fragestellungen ein, die er aus ethischer Perspektive vertiefte. Der Referent war bis Ende 2017 als fachlicher Leiter und stellvertretender Geschäftsführer für das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht e.V. in Heidelberg tätig. Dabei ging das Gespräch immer wieder auf das Verhältnis von Kindeswillen, Kindeswohl und elterlicher Sorge ein und die Frage, inwiefern Kinder selbst entscheiden können bzw. dürfen oder an Entscheidungen beteiligt werden dürfen.

Meysen nahm auch Stellung zum herausfordernd angelegten Titel seines Vortrags zu „Wohltätigem Zwang“, unter dem der Deutsche Ethikrat seine Anhörung gestellt hatte. Als langjährig erfahrener Vertreter eines Fachforums für Fragen zwischen Berufsgruppen und Institutionen, die mit Fragen der Jugendhilfe und dem Familienrecht befasst sind, konnte er auch in der anschließenden Fishbowl-Diskussion gut auf die Fragestellungen der anwesenden Teilnehmenden aus Beratung, Jugendamt und richterlicher oder rechtsanwaltlicher Praxis eingehen.

Neben ihm nahmen auch Silke Borger, Rechtsanwältin Nicole Frank und Mitinitiator und Ideengeber des Fachtags Joachim Jung vom Stadtjugendamt am Gespräch teil. Interessant wurde die Diskussion besonders mit Blick auf das sogenannte Wechselmodell, das künftig zu einem Standard werden könnte. Auch hier gibt es ethische Aspekte zu berücksichtigen, und so diskutierten die Teilnehmenden die besondere Problemlage, wenn nicht alle Familienmitglieder diesem Modell zustimmen und ein Kind beispielweise nicht wöchentlich den Wohnort wechseln möchte. Auch Teilnehmende konnten sich durch das Fishbowl-Format an der Diskussion beteiligen. So wurde auch aus der „Praxis“ noch einmal unterstrichen, dass Kinder in Trennungs- und Scheidungsverfahren oft zu wenig gehört werden.

Format der Ethikberatung für Kinder- und Jugendhilfe?

Nach einer Pause stellte Dr. Timo Sauer vom Dr. Senckenbergischen Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Goethe-Universität Frankfurt das Format der Ethikberatung vor. Dazu erläuterte er zunächst das Modell der Ethikberatung für den medizinischen und pflegerischen Kontext und regte dann zum Nachdenken über die Übertragbarkeit des Formats auf die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe unter Berücksichtigung der Bedingungen sozialer Arbeit an.

Angela Bandlitz vom Caritas-Zentrum Ludwigshafen und Leiterin des Arbeitskreises Trennung und Scheidung stellte ein Fallbeispiel vor. Anhand dessen illustrierte  Timo Sauer das Vorgehen der Ethikberatung. Es entwickelte sich eine lebendige Diskussion über diese und weitere Situationen aus der Praxis, in denen Entscheidungen getroffen werden, die ein Spannungsfeld zwischen gut gemeinter Fürsorge von Stellvertretern und der Autonomie von Kindern aufzeigen.

Der Fachtag und die Diskussionen zeigten, dass diverse ethische Aspekte bedacht werden müssen; die besprochenen Fälle betonen aus dezidiert ethischer Perspektive teilweise auch eine weitere Sichtweise – besonders die Selbstbestimmung der Kinder. Intensiv diskutierten die Teilnehmenden auch, ob ethische Überlegungen letztlich die Komplexität im ohnehin schon umfangreichen Trennungs- und Scheidungserfahren erhöhen, oder ob sie noch vereinfacht werden können – etwa durch das auf eine Stunde festgelegte  Format, das auf die Erarbeitung von wenigen Handlungsoptionen ausgelegt ist. Ob Ethikberatung daher als strukturell eingeführtes Format in der Kinder- und Jugendhilfe geeignet ist, um ethische Fragen zu bearbeiten, konnte die Diskussion nicht abschließend klären. Andererseits bestand kaum Zweifel darüber, dass der Einbezug ethischer Reflexion in die Haltung und Handlungsentscheidungen unbedingt erfolgen sollte und evtl. andere Formen der Einführung überlegt werden müssen.

brid / 22.04.2018