2. rheinland-pfälzischer Hospiz- und Palliativfachtag über "Vernetzung"

Forderung nach professioneller Koordination in der Versorgung

In der Versorgung und Pflege schwerstkranker und sterbender Menschen stellt sich immer wieder die Frage, wie die vielfältigen medizinischen, pflegerischen, therapeutischen, sozialen und weiteren Dienste gut koordiniert und aufeinander abgestimmt werden können. Diese Vernetzung war Thema das  zweiten rheinland-pfälzischen Hospiz- und Palliativfachtages.

Veranstaltet wurde er vom ZEFOG in Kooperation mit dem Hospiz- und PalliativVerband Rheinland-Pfalz und der Interdisziplinären Gesellschaft für Palliativmedizin Rheinland-Pfalz in Mainz.

Im eröffnenden Impulsvortrag legte Professorin Helen Kohlen den Fokus auf die Haltung in der Hospiz- und Palliativarbeit. Sie erinnerte an die Würde des Sterbenden und die Sorge um seine Bedürfnisse, Bedarfe und den Erhalt seiner Selbstbestimmung. Diese Haltung erfordere im zeitlich beschleunigten Alltag ein „Abwarten-können“ ebenso wie eine „komplementäre  Kommunikation“ der beteiligten Akteure. Eine von diesen Kriterien geprägte „ganzheitliche“ Sicht auf den Menschen stehe jedoch oft im Widerspruch zur zunehmenden Ökonomisierung und Zweckrationalisierung im Umgang mit sterbenden Menschen, die sich in der Versorgung und Pflege entwickelt habe.

Versorgung ist komplexer und vieldimensionaler geworden

Die Unterscheidung von „case management“ und „care management“ war das Thema von Prof. Dr.  Michael Wissert. Seit vielen Jahren hat der Soziologe, Sozialpädagoge und Sozialarbeiter über die Koordination komplexer Systeme geforscht und sich auch in der Praxis damit auseinandergesetzt. In seinem differenzierten und anschaulichen Vortrag unterstrich er, wie sehr ihm eine professionelle Koordination in der Versorgung sterbenskranker Menschen am Herzen liegt, die an den individuellen Bedürfnissen der Menschen orientiert ist. Er erinnerte daran, wie im Verlauf der Jahre diese Versorgung immer komplexer und vieldimensionaler geworden ist, was überhaupt erst zur Notwendigkeit von „case management“ geführt habe.

Es brauche Koordinatoren, die die Vielzahl von Dienstleistern und Personen kennen und die jeweils richtigen für die Unterstützung und Versorgung der sterbenden Menschen und ihrer Angehörigen finden und ansprechen können. Aufgabe dieser Koordinatoren seien sowohl die Sozialanwaltschaft (advocacy)  als auch die emotionale und institutionelle Unterstützung (supporter) der Sterbenden und ihrer Angehörigen.

Rund 38 Prozent der Menschen in Deutschland sterben in Pflegeeinrichtungen, viel weniger in Hospizen – und nach wie vor möchten viele Menschen im häuslichen Umfeld gut versorgt sterben können. Deutlich wurde an diesem Tag, dass es hier teilweise Ungerechtigkeiten sowohl in der institutionellen (Altenhilfe und ambulante Strukturen) als auch in der regionalen (SAPV) Finanzierung gebe.

Schirmherrin: Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler

Auch dazu nahm Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler Stellung, die die Schirmherrschaft der Tagung übernommen hatte. Sie betonte: „Die Menschen haben in ihrer letzten Lebensphase ein Recht auf Sterben in Würde. Die Hospizbewegung ist dabei eine der tragenden Säulen, die die Würde des Menschen am Lebensende, die Verbundenheit mit dem Sterbenden und die Beachtung seiner Selbstbestimmung in den Mittelpunkt rückt.“

Sie kündigte für das Land eine Koordinierungsstelle für die Vernetzung der Hospiz- und Palliativarbeit an und hob auch die nationale Anbindung an die Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland hervor. Ihr Wunsch sei es, dass die unterschiedlichen Akteure nicht in Konkurrenz zueinander treten, sondern sich noch besser vernetzen, und dass die Beratungsarbeit der Bürger weiter gestärkt werde.

Sie nahm sich auch die Zeit, im nachmittäglichen „World Cafe“ noch zuzuhören, was die rund 100 Teilnehmenden der Veranstaltung zu sagen hatten. Dieses Interesse an ihrer Meinung nahmen die Teilnehmenden mit hoher Wertschätzung und Dankbarkeit auf.

Moderiert wurde das World-Café von Veronika Schönhofer-Nellessen, der Leiterin der Servicestelle Hospiz und  Geschäftsführerin des Vereins Palliatives Netzwerk für die Region Aachen e. V. In dessen Verlauf setzten sich die Teilnehmenden mit vier Themenkomplexen auseinander: „Was gibt es an guten Netzwerken? Wie können wir Bestehendes weiterentwickeln? Wie ist die Koordination bei uns finanziell und strukturell geregelt? Und: Was wünsche ich mir von der Politik?“

Ergebnis: Fünf Thesen

Der Tag endete mit der Verabschiedung von fünf Thesen, die Gisela Texter vom Hospiz- und PalliativVerband Rheinland-Pfalz und Moderator der Veranstaltung Dr. Jonas Pavelka vom ZEFOG gemeinsam vorstellten:

1. HPV und IGP werden die Initiative ergreifen, damit über die landesweite Koordinierungsstelle in Rheinland-Pfalz regionale Netzwerke entstehen. Diese sollten über eine neutrale Koordination vor Ort auf- und ausgebaut werden. Dabei sind bestehende Netzwerke zu berücksichtigen, zu unterstützen und weiter zu entwickeln.
2. Wir benötigen einen Schulterschluss zwischen Land, Kommunen und Städte, um diese neutrale Koordination gemeinsam zu finanzieren.
3. Wir brauchen Netzwerke, in die auch die Regelversorger integriert sind und nicht nur der spezialisierte Bereich (sektorenübergreifend).
4. Wir benötigen eine gerechte Finanzierung zur Versorgung sterbender Menschen, unabhängig von dem Ort, an dem sie sterben, und unabhängig von der Region, in der sie leben.
5. Wir brauchen Rahmenbedingungen für eine gesellschaftliche Sorgekultur, z.B. für die Umsetzung der „caring communities“.

Die Resonanz war bei den Haupt- und Ehrenamtlichen aus den verschiedenen Tätigkeitsfeldern in der Hospiz- und Palliativarbeit, in der Alten- und Eingliederungshilfe, in Krankenhäusern und den ambulanten und stationären Pflegeanbietern so gut, dass bereits im kommenden Jahr wieder ein rheinland-pfälzischer Hospiz- und Palliativtag stattfinden soll.

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