Vortrag von SZ-Magazin-Autor Roland Schulz

Was passiert, wenn wir sterben?

Was passiert mit deinem Körper, wenn du stirbst? Was fühlst du – Trauer, Schmerz? Und dann, wenn dein Herzschlag verstummt ist? Was geschieht mit deinem Leichnam, bis du bestattet wirst? Wie wird man um dich trauern? All diese Fragen beantwortete Roland Schulz bei seinem Vortrag im Heinrich Pesch Haus am 5. November. Der Abend war der Auftakt zur neuen Veranstaltungsreihe „Im Angesicht von Ewigkeit“.
„Tage vor deinem Tod, wenn noch niemand deine Sterbestunde kennt, hört dein Herz auf, Blut bis in die Spitzen deiner Finger zu pumpen. Wird anderswo gebraucht. In deinem Kopf. Im Kern deines Körpers, wo deine Lunge liegt, dein Herz, deine Leber.“ — Mit diesen Worten begann Roland Schulz und zog die knapp 60 Teilnehmenden sofort in seinen Bann. Kein Wunder, sind Sterben, Tod und Trauer doch unumgänglich. Für jeden und jede von uns. „Es ist die einzige Gewissheit im Leben“, sagte Schulz. Und doch wissen wir kaum etwas darüber. Oder wollen nichts darüber wissen, verdrängen das Thema lieber.

Dein Sterben – bewusste Wahl der persönlichen Anrede

Deshalb hat sich Roland Schulz für die direkte Anrede entschieden. „Wir lassen Sterben und Tod nicht an uns heran“, weiß er auch aus eigener Erfahrung. Mit dem eindrücklichen „Du“ und „Dein“ versucht er, diesen Schutzmechanismus zu durchbrechen. „Das bin ich, der einmal die Nachricht bekommen wird, dass ich sterben werde“, verdeutlicht Schulz. Es solle klar werden: Es geht um das eigene Sterben.

Intensive Recherchen zu Sterben, Tod und Trauer

Roland Schulz hat sich intensiv mit den existenziellen Fragen rund um das Lebensende auseinandergesetzt. Vier Jahre dauerten die Recherchen zu seinem Buch „So sterben wir“. Er sprach mit Ärzten, Pflegekräften, Wissenschaftlern und arbeitete bei einem Bestatter. Am Ende entstand ein Buch, in dem eindringlich beschrieben wird, was wir während der letzten Tage und Stunden erleben. „Sterben ist ein Prozess voller Dynamik, so einzigartig wie dein Leben“, fasste er seine Erkenntnisse zusammen. Den Otto Normalsterbenden gebe es nicht. Sterben folge keinem Fahrplan. Und – es gehört zum Leben. „Der Tod ist danach“, sagte er.

Zeichen des Sterbens

Es gibt körperliche Zeichen, an denen sich ein sterbender Mensch erkennen lässt. So ändert sich die Atmung, die Haut wird wächsern, die Nagelbetten verfärben sich bläulich. Die Wangen fallen ein. Der Mund steht offen. „Es ist ein erschreckender Anblick“, weiß Schulz. Hinzu kommt manchmal ein brodelndes Geräusch beim Atmen, das sogenannte Todesrasseln. „Angehörige hören darin Qualen. Aber brauchst du Hilfe?“, fragte er. Niemand weiß die Antwort, denn letztlich bleiben die genauen Vorgänge, die Gefühle von Sterbenden, im Unklaren. Denn Sterbende können ja nicht mehr berichten, was sie erleben. Hinzu kommt, dass viele Sterbende „eintrüben“, wie Ärzte sagen. Das heißt, sie gleiten in einen Dämmerzustand bis hin zur Bewusstlosigkeit, sie sprechen nicht mehr.

Eine einmalige Zeit

Nach dem Eintritt des Todes beginnt eine Zeit, die laut Schulz in Deutschland genauestens geregelt und ritualisiert sei. „Im Tod sind alle Menschen auf sehr eindrucksvolle Weise gleich“, sagte er. Denn jeder durchläuft bestimmte Stationen wie die Leichenschau und die Beisetzung und jeder unterliegt bestimmten Gesetzen. Dabei gibt es, so Schulz, eine „Kaskade des Todes im Tod“. „Wenn du stirbst, bist du tot im Menschensinn. Wenn der Arzt den Tod feststellt, bist du tot aus Ärztesicht. Erst, wenn der Leichenschauschein ausgefüllt ist, bist du vor dem Gesetz tot“, erläuterte er. Nicht zu vergessen die Sterbeurkunde – „Sie besitzt die größte Macht und löscht dein Leben aus“. Dabei gilt: „Der Tod ist in Deutschland Ländersache und rechtlich beeindruckend geregelt“.

Jede Trauer ist einzigartig

Zu Sterben und Tod gehört auch die Trauer. „Wie wird man um dich trauern?“, fragte er im letzten Teil seiner Lesung. „Wie trauern wir – und wie können wir weiterleben?“ Schulz verglich die Trauer mit einem Kohlebrocken in einem Glas. Der Kohlebrocken bleibt über die Jahre gleich, aber das Glas wird größer, füllt sich mit neuem Leben und Erfahrungen. Trauer nimmt weniger Raum ein. Trauer sei etwas Normales, eine natürliche Reaktion auf einen geliebten Menschen, das mache sie so „vielschichtig mächtig“. Eines werde dabei oft übersehen: „Jede Trauer ist einzigartig“ – genau wie das Sterben.
Die Diskussion der Teilnehmenden zeigte, dass es noch eine ganze Reihe anderer Themen rund um Sterben und Tod gibt, die die Menschen bewegen – angesprochen wurde etwa die Organspende. Ein Teilnehmer vermisste bei Schulz den Trostaspekt, also Elemente von Glauben und Hoffnung.

Der nächste Vortrag in der Reihe „Im Angesicht der Ewigkeit“, die zusammen mit dem Verein der Förderer und Freunde des Heinrich Pesch Haus veranstaltet wird, findet am 15. Januar 2020 um 19 Uhr statt. PD Dr. Matthias Schuler, Chefarzt am Diakonissenkrankenhaus Mannheim, wird über Palliativmedizin und Palliativpflege sprechen.

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    Im Rahmen der Vortragsreihe "Im Angesicht der Ewigkeit" spricht am 15. Juni Trauerbegleiterin Gabi Kettenhofen über "Sterben ohne Abschied".  >> mehr erfahren
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